Symphonieorchester und Fussball, ein Improvisations-Experiment

Seitdem ich meine Frau kenne, bin ich wieder mit Fußball in Berührung gekommen. Davor dachte ich immer, dass meine letzten Erfahrungen aus der Grundschule mit diesem Sport auch die letzten sein sollten. Ich mochte ihn einfach nicht. Zu laut, zu aggressiv und vor allem zu langweilig. Aber eine Beziehung besteht aus Kompromissen und ab und zu erlaube ich es meiner Frau sogar Fußball zu gucken (BVB Spiele).

Dem Smartphone sei Dank bin ich in der Zeit beschäftigt und sie kann größtenteils ohne meine Kommentare und Bemerkungen dem Spiel folgen.

SavedPicture-201542620279.pngWie es nun mal so ist, bewegt sich was, guckt man hin. Ob es nun das Fluchttier oder der Jäger in einem ist, weiß ich nicht. Aber als ich dann doch mal auf das Geschehen gesehen habe, ist mir etwas aufgefallen (dazu muss man wissen, dass in dem Moment der Ton abgeschaltet war), daß das Gewusel gar nicht so langweilig ist, ihm fehlt nur die richtige Untermalung. Denn was mich an Fußballspielen wirklich stört, sind die Geräusche. Schlechte Gesänge, unrhythmisches Getrommel, Gegröle, Pfeifen und Schreien. Kurz, die Fans nerven und die Kommentatoren tun mit ihrem Kriegsberichterstattungsstil ihr Übriges.

Wie wäre es also, wenn es ein Orchester gäbe, das das Geschehen musikalisch unterlegt? Wie einen Film. Im Eishockey und Baseball scheint es gar nicht so ungewöhnlich zu sein, ein Spiel mit Musik zu begleiten, warum also nicht auch ein Fußballspiel? Aber bitte nicht mit einem zu Tode gedudelten Hit von den „White Stripes“.

Warum nicht mal einen Schritt weiter denken und etwas vollkommen Neues versuchen?

Klassikorchester trifft auf Fußball und gibt ihm die nötige Dramatik.
Das wohl größte Problem ist die Fähigkeit großer Symphonieorchester zum Improvisieren, denn es hat schon einen Grund, warum beim Improtheater meistens nur ein Pianist dabei ist.

Zum Glück habe ich ein paar Tage nach meiner Idee in einer Reportage über Chick Corea und Bobby McFerrin gesehen, wie sie mit einem jungen klassischen Orchester genau das trainiert haben, Improvisation. Leider weiß ich nicht mehr wie die Reportage hieß und welches Orchester es war.
Auf jeden Fall, seitdem ich das gesehen habe, weiß ich, dass auch ein Symphonieorchester in der Lage ist, zumindest in Teilen, zu improvisieren. Natürlich nicht wie ein bewegliches Jazz-Trio, aber ausreichend spontan um ein Ereignis wie ein Fußballspiel zu begleiten.

Man stelle sich das Ganze nur mal vor, während Bälle nur so von einem zum nächsten Spieler wandernd gibt es noch eine ruhige Streichersequenz, die sich hochschaukelt und aufbraust wie ein Sturm in Wagners fliegendem Holländer, um dann triumphal in Händel-ähnlichen Fanfaren ein Tor zu verkünden und dazwischen Dribbeleien mit Bernstein– und Gershwin-ähnlichen, jazzigeren Passagen.

Das wäre das erste Fußballspiel zu dem ich nicht nur gehen würde, sondern an dem ich sogar Spaß hätte.

Dass dies nicht auf einem Platz möglich ist, sondern nur in einem abgeschlossenen Konzertsaal mit einer Leinwand ist mir bewusst, und auch dass dies vor allem seitens der Fußballvereine eine Menge Verhandlungen mit Sponsoren, Werbepartnern und den Inhabern der Übertragungslizenzen bedeuten würde. Aber ich finde das ist so verrückt, dass es einen Versuch wert ist und Dortmund würde sich für so eine Aktion anbieten, denn die haben schon beides. Ein hervorragendes Orchester, den nötigen Saal und einen Verein, der ebenfalls immer für eine Überraschung gut ist.

Und wer weiß, wenn man das noch ein wenig weiter spinnt, vielleicht gibt es den einen oder anderen jungen Komponisten, der am Ende sogar kleine Melodieschnipsel für einige Spieler und Trainer schreibt.

 

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