Musik im öffentlichen Raum

Straßenmusik und Straßenkunst gehören wohl zur Menschheit seitdem sie sich in Städten und Gemeinden zusammengefunden haben. Ob es im Sommer in der Fußgängerzone ist oder im Winter auf diversen Weihnachtsmärkten: an allen Ecken wird gesungen, gemalt und ab und zu einfach nur stundenlang stillgestanden.

Seit einigen Jahren gesellt sich zu den jahrtausendealten Formen der Straßenkultur eine neue Kunstform, die der Flashmobs. Kleine Ereignisse, die mal mehr, mal weniger, geprobt werden, bei denen eine Gruppe plötzlich auftaucht, etwas macht und auch schon wieder weg ist. Ob es nun Radfahrer sind, die 10 Minuten einen Kreisverkehr umrunden, Symphonieorchester, die im Bahnhof ein Konzert geben oder eine Gruppe, die sich verabredet, Politiker mit dem Ausdruck „Yeah“ zu „unterstützen“. Die Aktionen sind meistens amüsant und unterhaltend und erzeugen durch ihre scheinbare Spontaneität Aufmerksamkeit in einer mit Reizen überfluteten Welt.

Kurz und knapp, ich mag diese Straßenkunst. Sie belebt eine Stadt und wenn es einem nicht gefällt kann man ja weitergehen.

Einer der schönsten Aktionen dieser Art haben in diesem Jahr die Dortmunder Symphoniker mit „Klassik ganz nah“ veranstaltet.

Leider kommt es in den letzten Jahren aber immer häufiger auch zu spontanen Darbietungen in geschlossenen öffentlichen Räumen wie z.B. in Bus und Bahn und ich bin mir sicher, nicht mehr lange, dann auch in Aufzügen.

Im besten Fall sind die Kurzauftritte zwischen zwei Haltestellen von einer halbwegs professionellen Gruppe, die etwas Aufführen und dann Flyer verteilen, im schlimmsten Fall ist es eine „Kapelle“ mit verstimmten Instrumenten, die im vollbesetzten Regionalexpress einen Weltschlager zum Besten geben, um dann mit einem Behälter durch die Reihen zu gehen und Geld einzusammeln. Leider sitzen unter den Pendlern immer mal wieder Kegelklubs in Proseccolaune, die diesen Gruppen immer wieder Geld geben.

Und da sind wir dann auch schon bei meinem Problem. So sehr wie ich Straßenkunst an offenen Orten mag, so sehr stört sie mich in geschlossenen Räumen, aus denen man, wenn die Türen erst einmal geschlossen sind, nicht mehr wegkommt, wie im ÖPNV.
Ich finde, dass Aufführungen in den sehr engen Räumen von Bus und Bahn schnell zu einer Qual werden. Dabei ist es auch egal, ob die Aufführung von besagter Geldeintreiberkappelle kommt oder von einem professionellen Orchester. Denn so wenig wie ich mit Techno, Metal oder Schlager gestört werden will, wollen andere nicht mit Streichquartetten belästigt werden.

Auch wenn es einen großen qualitativen Unterschied gibt.

Ich wollte schon länger etwas dazu schreiben, doch leider bin ich nie wirklich dazu gekommen. Der Anlass zu diesem Artikel war heute Morgen dann ein Tweet von WDR3. Der Sender hatte zu Beginn der Weihnachtszeit unter dem Hashtag ‪#‎WDR3nachten dazu aufgerufen, ein Video von seiner Version von „Hört der Engel helle Lieder (Gloria in Excelsis Deo)“ auf Video zu bannen und zu verbreiten. Der Tweet des heutigen Morgens zeigte das Video eines Chores, der das Lied an Haltestellen und in der Bahn zum Besten gab.

Der eine oder andere mag sich jetzt denken „Himmel ist der empfindlich, es ist Weihnachten und das ist doch schön.“ Dem kann ich aber nur bedingt zustimmen. Ich bin ja auch der Empfindliche.

Denn wie gesagt, mich stört es nicht, wenn dies in Straßen, an Haltestellen, in Geschäften oder sonst wo geschieht, es geht mir einzig und alleine um einen Raum ohne Fluchtwege und genau darum handelt es sich bei einer U-Bahn. Ich kann, wenn es sich um einen Flashmob handelt, auch nicht einfach die nächste Bahn nehmen. Man stelle sich nur mal vor, Helene Fischer würde zu Promozwecken für ihre neue CD oder der Weihnachts-CD einen Kurzauftritt in der geschlossenen Bahn hinlegen oder eine Death-Metal-Band, oder ein Techno DJ.

Die wären zwar professionell, aber die Begeisterung würde sich bei vielen stark in Grenzen halten.

Ja, ja, ich weiß, „aber es ist doch schön weihnachtlich.“

Am besten passt an dieser Stelle ein Zitat von Wilhelm Busch: „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“

Musik bringt leider noch ein ganz anderes Problem mit sich, sie läuft nicht bei jedem gleich ab. Es gibt Menschen, die konsumieren Musik wie ihren Kaffee, to go und nebenher. Die stört es nicht, wenn sie 15 Mal den gleichen Song in einer Stunde hören und klatschen begeistert mit. Doch dann gibt es noch die, für die Musik zu einer Qual werden kann. Ich kann Musik nicht ausblenden, ich kann sie nicht ignorieren, wenn ich sie höre bewegen sich in meinem Kopf meine Finger, ich sehe Noten und ich höre sie immer, selbst wenn sie nicht da ist. Ich wache nachts manchmal auf, weil die Musik in meinem Kopf zu laut ist und habe noch Stunden nach einem Einkauf Kopfschmerzen von den gehörten Schlagern, die ich nichtmehr loswerde, die nun in Dauerschleife in meinem Kopf laufen.

Ich bin mir sicher, es gibt auch andere denen es so geht. Und bevor jemand fragt, nein, ich würde nicht mehr an einem Ort arbeiten an dem Radio läuft, egal welcher Sender, und ja, mich stören auch die Mitmenschen, die meinen, alle Welt mit ihrem Samsung SMS-Standard-Pfeifton beglücken zu müssen oder ihre Musik mit schlechten Kopfhörer so laut hören, dass man alles mitsingen könnte.

Macht Musik, in Straßen und auf Plätzen, doch bitte nicht an Orten, an denen man ihr nicht entkommen kann. Und vor allem keine Weihnachtsmusik, aber das ist ein anderes Thema.

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