Luft – Geruch- Wind und Kindheit

Es gibt Momente in denen man unweigerlich an schöne Orte oder Momente, die in der Kindheit liegen, zurückgeworfen wird. Der Auslöser kann alles sein: Ein Bild, ein bestimmtes Wetter, ein Geruch. Bei mir ist es gerade alles zusammen.

Mühle in Esens

Ich stehe im Badezimmer, das Fenster ist leicht geöffnet. Draußen sind Mauersegler und Tauben zu hören, doch alles wird von dem dröhnenden Bim Bam der umliegenden Kirchen übertönt. Da kommt eine Luftzug durchs Fenster. Es riecht nach Regen, frischem Wind, der bis gestern noch trocken und warm war. Mit einem Schlag bin ich 4 Jahre alt und befinde mich in der Küche meiner Großmutter. Das ist nicht irgendein Ort, er befindet sich in einer Windmühle, in der Nähe der Nordsee, in der kleinen Stadt Esens. In der Küche riecht es außer nach frischem Wind und einem leichten Spätsommersturm zusätzlich nach frischem Tee und Braten. Unter der Küchendecke hängen gelbe Bohnen an Bindfäden, über dem Herd sind friesische blaue Kacheln, in der Mitte des Raumes ist ein riesiger Tisch hinter dem ein altmodischer Küchenschrank steht. Am Küchenfenster, das zum Hof hinauszeigt, steht noch ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Aus dem Radio kommt das Europawetter von NDR2. Aufgeregt warte ich, dass es 12 Uhr wird. Dann darf ich über die Straße zu dem kleinen Kiosk um mir ein Eis zu kaufen. Wie immer eine schwere Entscheidung. Brauner Bär, Ed von Schleck, Berry? Meistens wurde es Brauner Bär. Wenn es nicht  Sonntag sondern Samstag war durfte ich alleine Brötchen einkaufen. Die Luft ist immer noch die gleiche, frischer Wind mit einem leichten Nieselregen, der mehr feuchte Luft ist als Regen. Nur die Kirchenglocken sind nicht da. Für mich war die kurze Strecke damals ein echtes Abenteuer, obwohl sie nur wenige hundert Meter lang war.

 

Ausgestattet mit ein paar Mark, Stiefeln und einem, wie meine Oma es immer nannte, Anorak, machte ich mich auf den Weg. Raus aus der Haustür, über die aus Backsteinen gepflasterte Veranda, auf der kurzgeschorene Bäume standen, runter auf den Hof. Der Hof war mit einer komischen Mischung aus Sand, in dem noch Muschelreste und Steine waren, bedeckt. Ich hätte auch um die Mühle herum gehen können, aber über das Metalltor klettern, an dem die Farbe abblätterte und in großen Buchstaben BOGENA zu lesen war, war einfach spannender. Denn hinter dem Tor war ein kleiner verwilderter Graben und dann kam auch schon der Bürgersteig mit einer Ampel, die über eine mehrspurige große Kreuzung führt. Wahrscheinlich war es damals die einzige Ampel im Umkreis mehrerer Kilometer also war es noch viel spannender. Sobald die Ampel grün, zeigte rannte ich los, aus Angst die ganze Strecke nicht zu schaffen, bevor es wieder rot wird.

Auf der anderen Seite angekommen wurde die verträumt ostfriesische Welt wieder fortgesetzt. Ich stand auf dem Bürgersteig der Hauptstraße. Die Straße war höchstens so breit, dass nur ein Auto durchpasste, für ein zweites war kaum Platz. Der aus rotem Backstein gepflasterte Bürgersteig war kaum höher als die Straße und so schmal, dass nur eine Person drauf passte, nicht einmal zwei Kinder hätten nebeneinander gehen können.  In der engen Gasse, die einem damals wie die größte Straße der Welt vorkam, wehte immer noch der frische feuchte Nordseewind, in der Ferne waren immer noch Mauersegler, Tauben und Möwen zu hören, doch darüber legte sich mit jedem Schritt der Geruch frischer Brötchen und Kuchen. Der Duft konnte auch nicht entweichen. Die Straße war auf beiden Seiten dicht bebaut mit kleinen eingeschossigen Häusern, deren Fenster einem als Erwachsenen an Puppenhäuser erinnern, verschlossen mit engmaschigen leicht grauen Gardienen hinter denen schemenhaft grüne Pflanzen zu erkennen sind. Beim Bäcker angekommen musste ich nur noch wenige Stufen hinaufsteigen um die schwere Holztür, über der eine Glocke hing, aufzudrücken. Wenn ich Glück hatte, war kein anderer da und ich konnte sie direkt sehen, nicht die Brötchen, die waren nicht so wichtig. Dort standen sie. Kleine Törtchen, groß wie ein Muffin, bei denen man den oberen Teil direkt über dem Papier abgeschnitten hatte, mit einer Zuckergussschicht. Der Geruch aus Brot, Brötchen, Nordseewind, und Törtchen brannte sich damals so tief in mein Gedächtnis ein, dass ich ihn nicht mehr vergessen werde. Endlich war ich dran, ich kletterte auf die Taschenablage, die man in einigen Bäckereien immer noch findet und bestelle. 1 Rosinenbrötchen, 2 Mohnbrötchen, 4 Baguettebrötchen und 2 Törtchen. Die dampfenden Brötchen verschwanden in einer großen Papiertüte, eines der Törtchen kam in eine andere Tüte, das andere bekam ich  direkt in die Hand. Ich legte das Geld auf die Verkaufstheke, meistens war es ein 5-Mark-Stück. Ich steckte mir das Wechselgeld in die Hosentasche und lief mit meinen beiden Tüten und dem Törtchen in der Hand wieder Richtung Mühle. So ein Törtchen konnte man nicht einfach so essen, einfach nur rein zu beißen wäre ein Frevel gewesen. Von diesen kleinen Meisterwerken musste man jedes bissen genießen und sich genau überlegen wie man es aß. Am besten war es, wenn man anfing die mit besonders viel Zuckerguss überzogenen Ausbuchtungen abzubeißen. Nach der ersten Ausbuchtung breitete sich sofort der feine Geschmack von Zuckerguss mit Zitrone und Marzipan aus. Der Weg zurück zur Mühle dauerte im Vergleich zum Hinweg eine halbe Ewigkeit, weil man so sehr damit beschäftigt war, das Törtchen auf die richtige Weise zu verputzen. An der Kreuzung mit der einzigen Ampel weit und breit war vom Törtchen meistens nichts mehr übrig. Jetzt musste ich nur noch mit den Tüten in der Hand über die Kreuzung, über das Tor, über den Hof mit dem komischen Untergrund, über die Veranda aus Backsteinen und ab durch die Haustür in die Küche.

Und das alles nur, weil durch das Badezimmerfenster ein leicht feuchter Windstoß kam und im Hintergrund Kirchenglocken zu hören waren.

Das in diesem Artikel verwendete Bild ist ein Bild vom Wikipedia Artikel zu der Mühle in Esens

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