Dampfmaschinen und Piratenschiffe

Jeder hat irgendwo diesen Kindheitstraum, nachdem man sich immer sehnt und trotzdem nicht erfüllt, selbst wenn es als Erwachsener kein Problem mehr wäre.

Bei dem Einen ist es einmal vorne auf einer Dampflock zu stehen, bei einem Anderen die Fahrt in einem großen Wagen wie ihn die Helden der Kindheit in amerikanischen Fernsehserien fuhren, oder es sind die Träume, die mit dem Spielzeug der Kindheit zusammenhängen, weil ein Freund so was hatte und man selber nie dranzukommen schien.

dampfmaschine

Doch irgendwann wird man älter und man vergisst diesen Traum oder Wunsch, die Erinnerungen an vergangene Tage verblassen und  wird zunehmend von Verantwortung, neuen Wünschen und dem Alltag, den man als Kind nicht kannte, verschlungen. Wie Kronos seine Kinder, verschlingt der Alltag die Träume unsere Kindheit.

Doch dann ist es soweit, die Erinnerung kommt zurück, durch eigene Kinder und ihre Wünsche, ein bestimmter Geruch, ein Geräusch oder das Zusammentreffen von Freunden die in Ihrer Kindheit einen ähnlichen Wunsch hatten der ihnen jedoch immer verwahrt bliebt. Und genau so ein Wunsch ist eine Dampfmaschine. Faszinierend schnaufendes Ungeheuer aus Blech und Feuer.

Als Kind habe ich es nie verstanden warum mein Vater immer auf diese langweilige Röhre aus Blech im Schaufenster des Spielzeuggeschäftes gezeigt hatte und in seine Kindheit abtauchte. Wie konnte er das nur gut finden? Denn daneben stand es DAS Piratenschiff. Es hatte nicht nur zwei mächtige Masten und eine Menge Kanonen es war auch die einzige Packung in der man einen Kapitän mit Holzbein und einen Piraten mit Haken bekam und das war das Größte. Da stand es hinter der Scheibe über deren Rand man so gerade rüber gucken konnte um einen fast schon unscharfen Blick auf den scheinbar unerreichbaren Traum zu erhaschen. Und was macht mein Vater? Er zeigt auf den Blechkasten in blau und rot der daneben stand und war völlig aus dem Häuschen. „Guck mal, so was habe ich mir immer gewünscht, Hermann, der hatte ja eine…“ Eine was?.. Ist ja auch egal, denn da Stand es das Piratenschiff und das gab es nur einmal. Im Gegensatz zum Blechkasten, wenn den schon der Vater von meinem Freund hatte konnte es ja nicht so besonders sein. Doch er hörte nicht auf. „… sieh mal da kommt das Wasser rein und da unten Brennpaste und dann dreht sich…“ „ne ist super, Brennpaste und irgendwas dreht sich. Hier geht es nicht um den Blechkasten, da steht das einzige Piratenschiff in der ganzen Stadt und Philipp aus dem Kindergarten will das auch haben. Doch er hörte nicht auf. Die Jahre gingen vorüber und ihr dahinscheiden wurde immer schneller, die Distanz zum nächsten Weihnachtsfest immer kürzer und die Wünsche immer extravaganter, aus dem Piratenschiff wurden Raumschiffe, Computer, Roboter, Stereoanlagen und teure Musikinstrumente. Doch mein Vater blieb dabei. Jedes Jahr das gleiche Spiel. Wir stehen vor dem Spielzeugladen, in dessen Schaufenster die schönsten Dinge standen, Raumschiffe und Computer und er erzählte jedes Jahr die gleiche Geschichte. „Sieh nur, so was wollte ich auch haben…“, bla, bla, bla denn es war für mich nur ein langweiliger Blechkasten der mit Wasser ein Rad zum Drehen brachte. Besonders schlimm wurde es wenn Freunde meine Eltern da waren und sie sich nach ein paar gläsern Wein plötzlich in ihrer Kindheit wieder fanden. Da hatte man dann nicht einen, der vom Blechkasten sprach sondern 3, 4, 5 je nachdem wie viele gerade da waren. Was muss das für eine ätzende Kindheit gewesen sein, wenn man anstatt mit Piratenschiffen und Spaceshuttles mit einem Blechkasten spielen wollte. Warum haben die sich das nicht einfach zu Weihnachten gewünscht wenn es so großartig war? Aber lass sie ruhig reden, ich hab ja jetzt das Piratenschiff und das Raumschiff und alles andere.

Doch irgendwann verstand ich worum es ging, das war nicht nur eine Röhre aus Blech, es war ein Traum, ein scheinbar unerreichbarer, ähnlich wie das einzige Piratenschiff der Stadt, nur dass dieser Blechkasten wirklich unerreichbar war. Ein Wunder der Technik, der die Menschheit veränderte. Etwas so besonderes und teures, dass es heute kaum einen Vergleich dazu gibt. Ein Wunsch der so unglaublich war, dass man ihn niemals aufgeschrieben hätte. So groß, dass man ihn sich nicht mal als Erwachsener erfüllen konnte, obwohl es kein wirkliches Problem gewesen wäre.

Dieser unerreichbare Blechkasten ist vermutlich einer der Gründe warum Piratenschiffe, Raumschiffe, Stereoanlagen und Handys für uns heute so erreichbar sind.

Als ich verstand worum es bei diesem Kasten ging war ich alt genug, dass mich meine Mutter nicht nur mitnahm zum Weihnachtsgeschenke kaufen, sondern an der Auswahl beteiligte und irgendwann war es soweit. Wir gingen wieder durch die nass kalte Fußgängerzone, dicke Schneeflocken krochen langsam in unsere Jacken und Schuhe und wir kamen wieder mal am Spielwarengeschäft vorbei. Diesmal hatten mein Bruder und ich nur Augen für Geister und ihre Jäger, und einen kleinen Computer der in der Lage war 3 Motoren schrittweise zu steuern um Fahrzeuge, oder Greifarme zu automatisieren. Und da war es wieder, wir sahen uns an und konnten schon mitreden, „…Da kommt das Wasser rein…“ und so weiter, doch diesmal verstanden wir worum es ging. Auch wenn wir den ganzen Traum dahinter nie richtig verstehen werden, denn für uns war nie etwas unerreichbar. Wir waren uns einig. Meine Mutter, mein Bruder und ich. Es musste dieses dampfrauchende Blechmonster sein. Mein Vater redet jetzt so lange davon, dass muss das richtige sein, besser noch als das Piratenschiff. OK, nicht besser als das Piratenschiff, aber fast so gut wie das Piratenschiff.

Meine Mutter ging also an einem dieser schmierig, nassen Vorweihnachtstage los und kaufte einen unscheinbaren Pappkarton mit dem Bild des Blechkastens. Er wurde gut versteckt und dann hieß es warten. Wenn es nur darum gegangen wäre darauf zu warten was mein Vater zum Blechmonster sagen würde wäre es ja noch gegangen, aber für meinen Bruder und mich ging es um viel mehr, wir mussten zusätzlich auch noch darauf warten ob die Geisterjäger und Computer ihren Weg zu uns finden würde, da halfen auch keine Schneeballschlachten, Schlittenfahren oder noch schlimmer mit den Wünschen und Träumen der letzten Jahre zu spielen. Denn die waren alt. Die Tage wurden länger, die Nächte auch und die Türchen und Säcke am Kalender weniger. Aus Schnee wurde Regen, aus Regen wieder Schnee, aus Spielen und Schnee wurde Plätzchen backen und Geschichtenvorlesen, Und mit jeder Seite die die Herdmanns erlebten wurde unsere Spannung und Ungeduld größer. Nicht wegen des Blechkastens. Mehr wegen unserer neuen Wünsche.

Dann war es soweit. Die letzte Tür vom Kalender wurde geöffnet, die Schultonne lag schon seit ein paar Tagen in der Ecke und das Herz klopfte höher, man mühte sich durch Michel, Pippi, und Bullerbü, versuchte dem Baum beim Schmücken nicht zu nahe zu kommen und hoffte, dass der Pastor sich dieses Jahr ein wenig mehr beeilen würde als im letzten, denn die Geschichte kannte man schließlich und so spannend wie Captain Futur war sie nun mal nicht.

Dann war es soweit. Zuerst Glocken, dann die immer gleiche Geschichte, vom Mann der seine Frau irgendwo zu einem Ochsen bringt. Endlich das befreiende Glöckchen, dessen Ton sich mit dem Geruch von Pasteten, Kerzen und Tannen paarte. Im Hintergrund die Stimmen von gleichaltrigen die krampfhaft versuchten gegen das Geknartze und Gekratze anzusingen was mit ihnen auf die Schallplatte gebannt wurde, wasihnen mit jedem Jahr schlechter gelang. Da waren sie, die Geisterjäger, der Computer, ein paar Bücher und viel Schokolade.  Ein fehlte jedoch, der Blechkasten. Wir hatten ihn gut versteckt, also nicht wir, meine Mutter. Erst als der Roboter seine Kreise zog und die Geisterjäger in der Feuerwache zurück waren, wurde das Geschenk geholt. Ungläubiges gucken, dass es noch was gab, und zittriges Auspacken. Die Jungs waren mittlerweile moderneren Sängern gewichen und die Kerzen den elektrischen Konkurrenten. Doch das weihnachtliche Knistern was es nur ganz selten gibt wurde lauter und spannender, die Sekunden verstrichen und man spürte das etwas anders war. Das Papier gab einen ersten Blick auf seinen Inhalt preis und die Bewegung erstarrte. Ein ungläubiger Blick der, hinter den Augen für einen kurzen Moment das Gesicht eines Sechsjährigen zum Vorscheinen brachte. Erinnerungen und Freude ungespielte Kindheitsspiele und Sprachlosigkeit übertönten langsam das Weihnachtsknistern, das die Spannung in die Unendlichkeit gezogen hatte.

In diesem Moment verstand ich, dass es nicht nur ein Piratenschiff war oder der neue Computer, es war kein Weihnachtswunsch, es war ein unerreichbarer Kindheitstraum, der den Weg aus dem Schlund des Alltags geschafft hatte. Mittlerweile verstehe ich, was eine Blechröhre mit Wasser und Brennpaste so besonders macht. Nicht ihr muffiger Geruch nach Schmiermittel und die geisterhafte Bewegung des Rades am anderen Ende des Blechkastens. Es ist die Zeitreise, die dieser Kasten ermöglicht. Für die Länge einer Wasserfüllung kommt die Kindheit zurück, die Unbeschwertheit und Freiheit, die Möglichkeit Vergessenes wiederzubeleben.

Wenn ich heute zu einer dieser Feiern bei meinen Eltern fahre, dann sitzen sie manchmal zur vorgerückten Stunde zusammen, Freunde aus der Vergangenheit die sich damals nicht kannten und doch das gleich erlebten und träumten. Sie reden von früher und von heute, von Politik, Krankheiten, der Welt, der Zukunft und wenn das Knistern zu laut wird und der 5. Grappa getrunken, dann holen sie sich ihre Kindheit aus der Vitrine im Wohnzimmer, füllen Wasser auf, zünden Brennpaste an und aus Doktoren, Steuerberatern, Rechtsanwälten und Autoren werden kleine Jungs die sich in grauen kratzigen Hosen mit strubbligen Haaren und Flausen im Kopf die Nasen am Schaufenster plattdrücken und einen unerreichbaren Traum erleben.

Diesen Traum werde ich nie erleben, oder nachvollziehen können, denn wir hatten immer alles, ob Burgen oder Raumschiffe, Piraten, Geisterjäger, Computer Smartphones Tablets, alles ist erreichbar geworden. Nichts an das ich mich erinnere war so unerreichbar, dass ich es nicht mal als Wunsch aussprechen mochte. Meine Kindheit war ein einziges Paradies in dem alles auf Augenhöhe war. Ich bin gespannt mit was wir uns später unsere Unbeschwertheit zurückholen und ob uns das überhaupt gelingt. Denn von was kann man schon träumen oder sich wünschen, wenn man immer alles hatte.

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