Da war doch was, ach ja Fernsehen, Lineares Fernsehen.

Jahrelang war unser Fernseher (groß und hochauflösend) nur dazu da, um die Inhalte der Xbox sichtbar zu machen, Spiele, DVDs, Filme on demand, später dann Serien vom NAS, die ihren Weg dank OTR legal und nicht synchronisiert darauf gefunden haben.

Da war doch was, ach ja Fernsehen, Lineares Fernsehen.Und dann kam ZDFneo und ich fing wieder an fernzusehen. Das ZDF hat sich selber mit diesem Spratensender eine Plattform geschaffen, die losgelöst vom Alltagsrummel experimentiert. Durch das TVlab bekam alles einen Rahmen und ich war begeistert. Moviacs, Herr Eppert, Bambule, NeoMagazin, och und Böhmermann, Nate Light (das ich sehr vermisse), Deutsches Fleisch usw. Daneben kam im Hauptsender die heute Show, Die Anstalt, Neues aus der Anstalt und die Umstrukturierung von Aspekte. Mit Lerchenberg und Eichwald MdB hat der Sender ebenfalls Weitsicht bewiesen. Kurz, das ZDF geht auf die Zukunft zu ohne dabei an Niveau zu verlieren, eher im Gegenteil; es ist ein Sammelbecken für junge Talente geworden. Dabei hat dieser scheinbar konservative Sender auch noch verstanden, wie man junge Zuschauer erreicht. Sie sind in Deutschland sowas wie Pioniere im Delinearisieren des eigenen Programms und Anbieten der eigenen Inhalte wo das Publikum ist und vor allem wann. Für die Xbox hatten sie als einer der ersten Sender eine Mediathek App, und sie sind auch auf allen anderen Plattformen zu finden. Das Ganze ist nicht nur übersichtlich, sondern auch durchdacht. So kann man Produktionen schon vor der Ausstrahlung sehen oder noch Tage später und mit Jan Böhmermann und dem NeoMagazin Team haben sie Medienmacher dabei, die immer am Ball bleiben und neue Kommunikationswege sofort einbauen. Twitter, Youtube, Instagram und Facebook sind für sie so normal wie für den durchschnittlichen ZDF-Zuschauer das Faxen. Nicht mal einen Monat nachdem Meerkat und Periscope existierten, sind sie in den Alltagsrhythmus von NeoMagazin eingeflossen.  Redaktionskonferenzen und Proben werden über diese neue Plattform übertragen.

Bitte macht weiter so, denn ihr als ÖR Sender habt die besten Chancen, in einer on demand Medienlandschaft zu überleben und hochwertige Inhalte zu produzieren, im Gegensatz zu Privatsendern müsst ihr nicht sehen, wie ihr auch noch Werbung dazwischen oder drumherum platziert.

Doch dann schalte ich um und sehe das gleich wie in den letzten 40 Jahren, die ARD.

Innovativ wenn es um Radio geht (z.B. DRadioWissen) und in der Zeit stehengeblieben, wenn es um Fernsehen geht. Mit EinsFestival wurde mal was versucht, das ist aber mehr oder weniger verpufft. Sendungen wie der Tatortreiniger werden auf das Nachtprogramm des NDR abgeschoben (habe ich erst bei Netflix entdeckt) und Mord mit Aussicht wurde in der letzten Staffel so steif, dass man den Eindruck hatte, dass das Drehbuch nach Umfrageergebnissen entstanden ist. Es fehlte die vorherige Leichtigkeit, dazu kamen noch Figuren die da einfach nicht hinpassten. (Nichts gegen die Darstellerin der Mutter vom Dietmar, aber die passt da nun überhaupt nicht hin.)

Liebe ARD, ihr lasst eure Talente verkümmern und haltet euch an alten brüchigen Strohhalmen fest. Die 3. sind wirklich zu Dritten verkommen. Da gibt es Landschaftsreportagen, „RTLige“-Test/Check-Sendungen, Ratgeber- oder Chart-Sendungen, endloses Kaffeetrinken, Kochen und Verreisen. Mal mit Fahrrad, mal mit Kuh und meistens beides. Dabei habt ihr da die Talente und die laufen euch gerade weg. Tobi Schlegel hat X3 wieder zu einer Satiregröße gemacht, der ist jetzt im ZDF. Sabine Heinrich macht für Zimmer frei Homestories und vertritt ab und zu Lisa Ortgies bei FrauTV und hatte dabei eine gute Sendung auf EinsFestival: quer durch die EU und durch Deutschland mit sündhaften Fragen, Journalistisch brillant und mit viel Niveau. (Im Radio mochte ich sie übrigens nicht, habe für mich festgestellt, dass es am Sender liegt und ich einfach nicht ins Zielgruppenprofiel passe.). Ralph Caspers darf die Urlaubsvertretung für Ranga Yogeshwar machen und könnte so viel mehr und im Hintergrund von Zimmer frei arbeiten weitere Talente, die schon mit den Hufen scharren.

Nur wie lange, das kann sich jeder selber ausrechnen. Irgendwann wartet man nicht mehr, dann nimmt man das Angebot von RTL wie Steffen Hallaschka oder geht zum ZDF, oder hört ganz auf wie Gregor Weber (der ist noch eine ganz andere Geschichte).

Es mag vielleicht den einen oder anderen in der ARD Senderfamilie überraschen, aber mit Tierdokus und schlecht gesprochenen Zoo Reality-Doku-Soaps, Gameshows im 60er Jahre Stil und Neubauer Schmonzetten holt man keinen vor den Fernseher und mit der veralteten Mediathek (spärlichem App Angebot) auch nicht. Im Gegensatz zum ZDF habt ihr nicht einen Experimentiersender ohne Quotendruck, ihr habt 9 davon. Neun Sender auf denen Talente versauern. Dabei braucht ihr gar nicht so weit zu gucken, auf euren Radiosendern passieren unvorstellbar kreative und innovative Dinge. Die Hörspiele von Bodo Traber, Edgar Linscheid und Stuart Kummer, Robert Weber oder Mordkommission Hamm könnten als Filme ein internationales Publikum erreichen. Von einigen Wurfsendungen als kurze TV Serien mal ganz abgesehen. Mein liebstes Beispiel bleibt die Wurfsendung Serie 210, „Der Alltag nach der Invasion der Zombies“ von Ulrike Sterblich.

Anstatt Klaus Bednarz (ja, der war wirklich gut) und Co. und ihren innovativen Sendungen und Stilen hinterher zu trauern, solltet ihr im journalistischen und wissenschaftlichen Bereich mal einen Blick auf DRadioWissen werfen. Ich bin mir sicher, dass „eine Stunde Netz“ auch im Ersten oder im WDR funktionieren würden, aber nicht erst um 23.50 Uhr an einem Dienstag. Vor allem muss die ARD verstehen, dass lineares Fernsehen tot ist oder zumindest im Begriff zu sterben.

Ich frage mich auch bis heute, warum die ARD das Beatclub/Formel1 Experiment nicht wiederholt hat und die Jungs von RiesenBUHai/RocketbeansTV engagiert, um eine 1-stündige Games Sendung pro Woche wie GameOne zu machen. Denn dass es dafür ein Publikum gibt, sieht man an den Zahlen der zahlungswilligen Zuschauer von RocketbeensTV. Der gameaffinen Schicht wird in der ARD immer noch der Killerspielespieler Stempel aufgedrückt und fertig. Dabei könnte die ARD hier ihren Erziehungs- und Informationsauftrag mit Leichtigkeit erfüllen. Eine Stunde pro Woche journalistisch, witzig aufbereitete Inhalte zum Thema Spielen von einem Team, das authentisch ist und seit über 20 Jahren Erfahrungen in diesem Bereich hat.

Und zum Schluss noch eine Herzenssache, die mich auch zu diesem Blogbeitrag gebracht hat. Einer dieser Strohhalme an die sich der WDR klammert ist Zimmer frei. Der Platz ist ab nächstem Jahr frei und ich befürchte, dass dieser durch noch mehr Karneval, Comedy oder Talkshow Aufzeichnungen gefüllt wird, anstatt der langjährigen Assistentin Nina Windisch eine Chance mit einem neuen Konzept zu geben oder meinem absoluten Wunschtraum von mir ZimmerfreiNextGeneration (#nextgenzimmer) mit Nilz Bokelberg und Sabine Heinrich. Gewohntes im neuen Gewand. Wenn man sich die beiden vorstellt und beim Zimmer frei gucken vor dem geistigen Auge austauscht, dann merkt man schnell, dass diese Konstellation klappen könnte. Heinrich ist eine gute Journalistin und Interviewerin und Bokelberg hat mit seinem Buch „Endlich gute Musik“ und seinen zahlreichen Sendungen gezeigt, dass er die Lücke von Götz Alsmann mit Witz und Spontanität füllen könnte. Es wäre eine Schöne Sache um eine so einmalige Sendung auch nach 2016 fortzusetzen. Und wer würde Alsmann und Westermann nicht gerne mal an der schmalen Seite des Tisches sitzen sehen.

Zurück zum Thema und damit auch zum Ende meines Beitrags. Von der Socialmedia Fähigkeit der ARD Sender und ihrem vollkommen veralteten Webauftritt samt Mediathek fange ich erst gar nicht an. Denn die sind nicht wirklich 2015, mehr so 2001. Es gehört halt mehr zum Twittern, Facebook und Co. als Beiträge zu teilen. Solche Kanäle müssen genauso behandelt werden wie Sendungen, vielleicht sogar noch ein wenig mehr, denn sie gehen in beide Richtungen.

Es ist Zeit sich vom Wissen des Computerclubs zu trennen.

Ich hoffe mein Artikel war eine nicht zu unerträgliche Lobhudelei für das ZDF (denn die haben noch genug Leichen im Keller, also im Hauptprogramm) und zu viel ARD bashing, aber es musste mal raus und das, obwohl ich ein Befürworter der Rundfunkgebühren bin. Ich verstehe, dass in einem solidarisch finanzierten Programmangebot, das so vielfältig ist, mir nicht alles gefallen muss. Dafür habe ich ja die Möglichkeit mir das rauszusuchen, was mir gefällt. Es ist nur einfach schade mitanzusehen, wie die ARD im Fernsehbereich die Zeit verschläft und Zuschauer unter 40 fast vollkommen vergisst.

Sie Spaten Kanäle wie ARTE und 3Sat habe ich bewusst außen vorgelassen, da sie sich altersunabhängig an eine klar definierte Zielgruppe wenden. Die Privatsender habe ich in meinem Artikel nicht berücksichtigt, da ich bei keinem einzigen eine Sendung finde die auch nur erwähnenswert ist. Wer sich von Z-Promis beim Dreckfressen, dem erniedrigen von Teenagern und Möchtegernsängern, oder dem Scheitern von Menschen die eh schon am Ende sind unterhalten fühlt bestätigt nur meine größte Angst. Idiocracy ist eine Dokumentation und ein 90 minütiger Film eines Hinterns bekommt den Oscar.

 

 

2 Gedanken zu „Da war doch was, ach ja Fernsehen, Lineares Fernsehen.

  1. Schöner Artikel, aber es sind die Rocketbeans….und es gab auch schon bei Einsfestival eine richtig gute Games Sendung von Riesenbuhei: Reload. Wurde aber leider nicht weitergeführt nachdem bekannt wurde, dass Einsfestival eingestampft wird.

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