Bemal die Höhle und mach kein Selfie

Das Selfie-Phänomen sagt mehr über unsere Gesellschaft aus als die meisten anderen Dinge. Das Foto hat schon viel mitgemacht, von der Aufwändigen Zauberei die nur wenige verstanden und beherrschten zum immer, überall, dabei Moment-Konservierer. Diente es zunächst als perfekte Weiterentwicklung der Malerei, um anderen Menschen etwas mitzuteilen, oder den Moment einzufangen, dient die schnelle Knipserei mit Smartphone, und auch High End Digital Schlachtschiff heute eher dazu dem eigenen Ego den Bauch zu pinseln. Unter Mittvierzigern ist die EOS zum Sportwagen geworden, und unter den U 40ern das Selfie und manchmal überschneidet es sich.

Selfie-africaDas Selfie ist schon eine besondere Sache fing es vor einigen Jahren mit nicht besonders intelligent dreinblickenden Gören an, die sich im Spiegel fotografierten um aller Welt zu zeigen wie sie in Unterwäsche aussehen und welches Telefon sie sich leisten können, haben eben diese Menschen entdeckt, das man eine Kamera oder Smartphone auch umdrehen kann, um ein Selbstportrait ganz ohne Spiegel von sich anzufertigen. Was für eine Leistung, die ist ungefähr mit dem Spiel zu vergleichen, bei dem Affen die passenden Geometrischen Formen in die dazugehörigen Löcher stecken.

Nun aber wieder zurück zum besagten Ego und sein Bedürfnis fotografiert zu werden. Während ich früher noch Postkarten oder Fotos bekam auf denen zu erkennen war wo sich bestimmte Personen gerade aufhielten oder Urlaub machten, ist es mittlerweile so, dass sich jeder für das wichtigste Objekt auf dem Globus hält und das ganz unabhängig vom Promi-Status. Es wird geknippst was das Zeug hält und im selben Moment in die Speicher dieser Welt geschickt, damit alle im Freundeskreis sehen, dass man der coolste ist. Dumm nur dass alle Anderen das auch machen. Ich verstehe es einfach nicht. Ich würde ja gerne mal wieder ein Foto vom Eiffelturm sehen oder von einer anderen Sehenswürdigkeit. Stattdessen bekomme ich breit grinsende oder dämlich reinschauende Fratzen zu Gesicht, die mir mitteilen wo jemand ist. „Otto – 17.00 Uhr – Kunsthalle“. Ich weiß immerhin, dass Otto dann vor der Kunsthalle ist und wann er da war. Doch ich sehe nicht wie es da aussieht. Dabei ist doch im Grunde genommen das Museum der Star und nicht der Selfiproduzent. Wenn wenigstens wie früher gefragt würde, ob man mal ein Foto von jemandem machen könnte. Doch davon sind wir weit entfernt, denn es Zählt nur noch das Ich.

Aber warum sollte es auch anders sein, Fernsehen und Internet gaukeln uns 24/7 vor dass jeder ein Star ist und die Technik macht es möglich. Jeder hat immer ein Tonstudio, Fotoapparat, Filmkamera und was sonst noch dabei, jedoch nicht um damit Zeitdokumente oder ein künstlerisches Werk zu schaffen, oder den daheimgebliebenen einen Eindruck vom erlebten zu vermitteln, es geht nur um das Ich.

Stars und vor allem Sternchen machen es vor. Ihre verblödeten Fratzen glotzen uns von überall an, von Plakaten, aus dem Fernseher und aus dem Internet. Die meisten von denen können auch nicht viel mehr als halbnackt oder ganznackt vor der eigenen Kamera herumzuspringen und dabei aufzupassen, dass mindestens noch ein Paparazzi dabei ist, der noch verblödeter ist, um die noch viel behämmerteren Fans mit den neusten Eskapaden des angebeteten Halbgott auf Zeit zu versorgen.

Und so machen es dann auch diese Fans, sie bewundern Menschen, deren größte Errungenschaft es ist, sich von einem Möchtegern Promi vor laufender Kamera zur Sau machen zu lassen oder Dreck zu fressen, um anschließend Kaufhäuser und Mals einzuweihen um dann nach einem Jahr wieder zu verschwinden. Was bleibt sind unendlich viele Selbstportraits, und die Ihrer Fans die wie Affen alles nachahmen was sie sehen.

Oder anders, schmiert sich Heidi Klum Hundescheiße ins Gesicht und sagt es ist der Trend und macht die Haut glatt, wird es demnächst in der Bahn sehr unangenehm.

Jeder hält sich für so wichtig, dass er sich permanent selbst Fotografiert und das überall und ständig, um Anderen mitzuteilen, dass sie selbst die Wichtigsten sind und im gleichen Augenblick bewundern sie Menschen, die nichts können, die wiederum sich für die wichtigsten halten. Ein Perpetuum Mobile der Dummheit.

Ein ähnliches Phänomen sind die Texte von aktueller Popmusik und da vor allem Rap in allen Formen. Erzählten Lieder und auch Rap, früher noch Geschichten, schmachteten die Angebetete an, verfluchten die eigene ehe nach 40 Jahren oder kritisierten das Politische System hört man heute nur aus allen Ecken Junge untalentierte die alle Welt mitteilen, dass sie die Coolsten, die Größten , die Besten, die Wichtigsten sind und vor allem die Größten Schwänze haben und alle nur machen was Sie wollen.
[Update: Ein weiteres schönes Beispiel ist der Text des Liedes, dass im Refrain mit der Zeile „Ein Hoch auf uns…“ beginnt. Es sagt alles und doch nichts. Es lebe der Egoismus Inhalt ist zweitrangig.]

Warum hört man sowas, wenn man eh schon mit seinen Fotos mitteilt, dass man selber der größte ist, bekommt das eigene Ego da keinen Knacks, wenn ein anderer Behauptet er sei der Größte?

Kurz ich verstehe die Welt nicht mehr und bin wiedermal davon überzeugt, dass Idiocracy eine Reportage ist.

 

Es gibt nichts mehr wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, es ist immer alles da, das wichtigste ist, dass jeder immer das neuste, beste, tollste hat, um dann Anderen zu zeigen wie toll man ist, weil man ja das neuste, tollste, beste hat. Selber etwas können ist unwichtig. Und damit will ich nicht wie Sokrates klingen der schon davon überzeugt war, dass die Jugend verdorben ist. Ich meine damit alle, jeden einzelnen in dieser unserer Westlichen Gesellschaft.

Es kann nur noch der Stillstand Folgen. Denn die Dekadenz hält mit aller Macht am Status Quo fest, aus Angst etwas vom errungenen zu verlieren. Es werden Berufe erlernt nicht um sich zu entwickeln, oder einer Tätigkeit nachzugehen die einen den Rest des Lebens mit Zufriedenheit erfüllt, sondern um Geld zu verdienen, um sich Dinge zu Leisten die man zwar nicht braucht, mit denen man aber meint zeigen zu können wer man ist. Ich bin mir sicher, in 20 – 30 Jahren steht ihr dumm da, wenn ein weiterer BWLer, Jurist, Mittlerer Verwaltungsangestellter, Beamte der nur Geld verdienen will euren Platz einnimmt, weil er unverbraucht ist und weil es eh genug davon gibt. Dann sieht plötzlich derjenige, der etwas, das seinem Talent entspricht gelernt hat ganz anders aus und vor allem dar. Nur wer in der Lage ist Farben und Geschichten zu sammeln, ist fähig Hoffnung zu sähen und durch den Winter zu kommen.

Strebt nicht nur nach dem schnöden Mammon, ein Selfie macht nicht glücklich und du bist nicht der größte, nur weil du das neuste, beste, schnellste hast. Lern etwas, erkunde dich selbst finde deine Talente schule dein Können. Rembrandt, van Gogh, Mozart, Bach, Shakespeare, J. J. Abrams, Hitchcock, Michael Jackson oder Pharrell Williams sind keine echten Superstars geworden weil sie sich nur für das nächste Smartphone interessiert haben oder interessieren. Sie haben an sich und dem was sie können gearbeitet, sind Risiken eingegangen und haben etwas gemacht, was noch keiner vor ihnen gemacht hat um einen Schritt Richtung Zukunft zu machen und unsterblich zu werden, doch das war nie ihr Ziel. Sie haben das gemacht was sie wollten.

Sei der, der die Höhle bemalt und nicht der, der die Beeren sammelt.

Entdecke dich selber, schaffe etwas Neues. Dann mach ein Selfie. Oder wie Jan Böhmermann vor kurzem meinte. Erst interessant werden, dann tätowieren und piercen lassen. Denn nicht du hast was Besonderes geschafft, sondern der, der die Nadel über deinen Arm gezogen hat.

Hofft ihr weiterhin darauf, dass euch ein Agent entdeckt, ihr in einer Fernsehshow oder einem Internetvideo 5 Minuten Berühmtheit erlangt, dann könnt ihr jetzt schon mal Platz machen, denn die Welt geht hinter dem Zaun um das Paradies der Dekadenz weiter. Jenseits des Mittelmeeres und der mongolischen Steppe warten junge talentierte Menschen. Die einen sind hoch gebildet und Motiviert, weil sie nur gewinnen und nicht verlieren können. Die Anderen haben nichts. Nichts zu verlieren, nicht zum Leben und kaum etwas zum Überleben. Sie kommen aus Gegenden in denen Kinder Soldaten sind und der Alkohol die Flucht. Junge Menschen, die bereit sind Kilometer zu laufen, um ein paar Stunden Schule zu haben. Sie flüchten vor fanatischen Anhängern irgendwelcher Religionen oder laufen ihnen nach, sie verlassen ihre Familien, Freunde und ihre Heimat um ein kleines Stück vom Glück zu bekommen um zu überleben. Wenn man nichts verlieren kann ist alles möglich, wenn man dann noch etwas hat wofür es sich zu kämpfen lohnt, ist man unbesiegbar. Da wird der unberechenbare Weg durch Wüsten und Diktaturen zu einer Option und das Mittelmehr zu einer akzeptablen Gefahr. Drangsalierungen Europäischer Staaten in Auffanglagern sind da kein Grund mehr umzukehren. Denn das ist wie der Fuß in der Tür. Jungen Talenten, mit hoher Motivation die nur gewinnen können, weil jede regelmäßige Mahlzeit eine Verbesserung ist gehört die Zukunft. Vielleicht nicht heute auch nicht morgen, aber irgendwann ist der Leidensdruck so groß, dass die Goten in Rom ausgetauscht werden. Fragt die Römer, oder lest sie. „Karthago muss untergehen“ – [War der Ausdruck reiner Angst einer untergehenden Dekadenten Kultur kurz vor ihrem Untergang.] [Update: Ja, agnst hatten sie nicht, da habe ich mich in der Zeit vertan, aber das Zitat passte einfach wunderbar. Hätten sie mal angst gehabt die Römer, doch die strotzten vor Arroganz und konservierten den Zustand. Der Untergang kam später, war aber um so heftiger.] Wer heute im Irak zu einer Waffe greift, um für seine Verblendete Weltanschauung zu kämpfen. Um Anderen Menschen mit roher Gewalt sein Lebensmodell aufzuzwängen macht dies nicht, weil er so viele Bilder von sich selbst gemacht hat oder sich für den größten hält und dies seinen Freunden zeigen muss, sie machen dies, weil sie nichts mehr zu verlieren haben und sie in ihrer Auslegung der Religion eine Perspektive sehen.

Mach was aus dir, resigniere nicht, nimm nichts als gegeben hin, es kann schnell vorbei sein und dann hilft dir ein T-Shirt mit Möwe, ein angesagtes Smartphone und das richtige Auto auch nicht mehr weiter. Denn für den der nichts zu verlieren hat, haben diese Symbole keine Bedeutung. Sie sagen ihnen nichts außer dass sie nicht dazu gehören und wofür sie als Kinder leiden mussten, damit du für 200 € Jedes Jahr ein neues, besser, toller, schneller haben konntest.

Nur wer lernt die Höhle zu bemalen und neues zu schaffen kann frei und die Freiheit bewahren und wird unsterblich.

Wir wissen nicht wer die ersten Tiere an eine Höhlenwand gemalt hat, aber wir bewundern sie noch immer. Dein Selfie ist morgen schon Vergangenheit und übermorgen Datenmüll den deine Enkel löschen um Platz für neue Daten zu schaffen. Denn dein Facebookeintrag ist nur relevant solange du konsumierst.

Du bist mehr wert als nur ein kurzes Klicken.

[Update]
Ja Carthago Zitat entstammt einer anderen römischen Epoche. Passt aber zum Gesamttext. Denn als die Römer und ihre Kultur überrannt wurden strotzten sie vor Arroganz und fühlten sich wie ein bestimmtes gallisches Dorf.

 

 

 

Ein Gedanke zu „Bemal die Höhle und mach kein Selfie

  1. Toller Text!!!
    Ich will mehr davon lesen.
    Eine Anmerkung „delende Carthago“ stammt aus der Zeit der punischen Kriege, also dem wachsenden Imperium. Da passt der vergleich mit der dekadenten Kultur nicht so ganz.
    Sonst ist der Text toll und ich will mehr davon lesen!

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